Vier Adressen, 80 Prozent der Post: wie ungleich ein offenes Postfach beliefert wird

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Ein Postfach, das offen im Netz steht, bekommt Post aus allen Richtungen: hunderte Absender, jeder mit einer eigenen Masche, zusammen ein Grundrauschen des halben Internets. So stellt man es sich vor. Ein altes Archiv des Vorgängerdienstes sagt etwas anderes. Der Verkehr ist so ungleich verteilt, dass jeder Durchschnittswert in die Irre führt: sehr wenige Absender schreiben sehr viel, und die allermeisten Adressen hören in ihrem ganzen Bestehen von genau einem.

1930 Nachrichten, 89 Adressen, 75 Absenderdomains

Ausgewertet haben wir das Archiv der eingegangenen Post aus den Anfangsjahren: 1930 Nachrichten an 89 verschiedene Adressen, verschickt von 75 verschiedenen Domains. Die Verteilung ist nicht breit, sie ist steil. Was in einem offenen Postfach inhaltlich ankommt, ist an anderer Stelle beschrieben.

Vier Adressen tragen 80 Prozent

Die vier meistbeschickten Adressen bekamen 593, 459, 348 und 153 Nachrichten. Zusammen sind das 1553 von 1930, also 80 Prozent der gesamten Post an vier von 89 Adressen.

Auf der Absenderseite dasselbe Bild. Vier Domains stellen zusammen 1259 Nachrichten und damit 65 Prozent: alm.com mit 348, facebookmail.com mit 319, phpclasses.net mit 316 und phpclasses.org mit 276. In der Spitzengruppe stehen Fachportale, ein soziales Netzwerk, Shops und Softwarehersteller, also Absender, die nach einer einmaligen Anmeldung nicht mehr aufhören. 22 Domains kamen auf zehn oder mehr Nachrichten, 27 der 75 schickten genau eine.

54 Adressen bekamen genau eine Nachricht

Am anderen Ende der Verteilung steht der Normalfall. 54 der 89 Adressen bekamen in ihrem ganzen Bestehen eine einzige Nachricht. Neun bekamen zwei, vier bekamen drei. Noch deutlicher wird es bei den Absendern: 76 der 89 Adressen hörten von genau einer Domain. Zehn hörten von zwei bis drei, zwei von vier bis zehn, eine einzige von mehr als zehn. Ein solches Postfach ist kein Marktplatz, sondern eine Verbindung zu einem einzigen Gegenüber, und genau dafür ist eine temporäre Adresse gedacht.

Bei 70 von 89 Adressen war nach einem Tag Schluss

Beim Nachleben zeigt sich dieselbe Schieflage. Bei 70 der 89 Adressen liegen erste und letzte Nachricht am selben Kalendertag. Zwei bekamen bis zu einer Woche lang Post, eine bis zu einem Monat, drei bis zu einem halben Jahr, zwei bis zu einem Jahr. Elf Adressen bekamen länger als ein Jahr Post, die längste Spanne zwischen erster und letzter Nachricht beträgt 746 Tage.

Der Durchschnitt über alle Adressen liegt bei 79 Tagen, und auch diese Zahl beschreibt niemanden. Sie entsteht aus 70 Fällen mit null Tagen und einer Handvoll Adressen, die über Jahre weiterliefen. Eine Einwegadresse hat kein Ablaufdatum, das der Absender kennt: Wann du sie nicht mehr brauchst, entscheidest du. Wie lange an sie geschrieben wird, entscheidet der Absender.

Was in den Betreffzeilen steht

Gezählt wurde nur nach Stichworten. 74 der 1930 Betreffzeilen enthalten ein Bestätigungswort wie confirm, verify oder bestätigen. 214 enthalten ein Werbewort wie newsletter, Angebot oder Rabatt. Elf betreffen Zugangsdaten wie password, reset oder login.

Bestätigungsmails sind damit die Minderheit, obwohl sie der häufigste Anlass für eine Wegwerfadresse sind. Der Grund ist wieder die Konzentration: Der große Rest sind laufende Benachrichtigungen der wenigen Vielsender, die über Jahre an dieselben paar Adressen gingen. Wer solche Serien wieder loswerden will, sollte wissen, dass der Abmeldelink nicht immer der beste Weg ist.

Eine Domain fällt aus dem Muster

hide.me schickte 22 Nachrichten an 21 verschiedene Adressen, also fast jedes Mal an eine neue. Das ist der Fingerabdruck von jemandem, der sich beim selben Anbieter immer wieder frisch angemeldet hat. Alle anderen Domains schrieben ganz überwiegend an eine einzige Adresse.

Was daraus folgt

  • Der Normalfall ist eine Nachricht. Wer eine Adresse für eine einzelne Anmeldung nutzt, erzeugt genau das Muster, das 54 der 89 Adressen zeigen: ein Absender, eine Nachricht, ein Tag.
  • Die großen Zahlen entstehen durch Dauernutzung. Wer eine Adresse als festes Postfach für ein Konto laufen lässt, sammelt binnen Jahren Hunderte Nachrichten aus einer einzigen Quelle.
  • Was länger laufen soll, gehört nicht in ein offenes Postfach. Ein Bestätigungslink ja, zwei Jahre Kontobenachrichtigungen nein. Dafür sind die stabileren Wege zum Schutz einer Adresse die bessere Wahl.

Wie gezählt wurde

Grundlage ist die Tabelle old2016_nre_emails, das Archiv der eingegangenen Post von getsend.xyz. Der Zeitraum reicht vom 5. Dezember 2014 bis zum 18. Februar 2025, das Gewicht liegt aber ganz am Anfang: 33 Nachrichten an 25 Adressen im Jahr 2014, 535 an 35 Adressen in 2015, 1360 an 41 Adressen in 2016 und zwei einzelne Nachrichten in 2025. Zwischen 2017 und 2024 steht in dieser Tabelle nichts, sie wurde 2016 stillgelegt. Der Text beschreibt also die Jahre 2014 bis 2016 und nicht den heutigen Betrieb.

Gezählt wurden ausschließlich Metadaten: Zieladresse, Absenderdomain, Zeitstempel und Betreffzeile. Je Adresse wurden Nachrichtenzahl, Zahl der Absenderdomains und der Abstand zwischen erster und letzter Nachricht bestimmt. Die Betreffzeilen wurden maschinell nach Stichworten durchsucht und nirgends wiedergegeben, Nachrichteninhalte und einzelne Adressen gehen nicht in die Auswertung ein.

Was der Datensatz nicht hergibt: Aussagen über heutige Zahlen, Aussagen über Adressen, die nie eine Nachricht bekamen, und jede Unterscheidung zwischen erwünschter und unerwünschter Post. Eine Werbemail ohne Werbewort im Betreff fällt aus der Zählung heraus, die 214 sind also eine Untergrenze.