Eine Wegwerfadresse wird häufig als Werkzeug für Anonymität verstanden. Sie ist keines. Sie löst ein bestimmtes, eng umrissenes Problem sehr gut — und eine ganze Reihe benachbarter Probleme gar nicht. Wer den Unterschied kennt, benutzt sie richtig; wer ihn nicht kennt, verlässt sich an der falschen Stelle darauf.
Was sie tatsächlich leistet
Eine E-Mail-Adresse ist im Datenhandel kein Kontaktweg, sondern ein Schlüssel. Sie ist über Anbieter hinweg identisch, sie ändert sich selten, und sie taucht bei jeder Anmeldung wieder auf. Genau deshalb lassen sich damit Datensätze aus verschiedenen Quellen zusammenführen: derselbe Schlüssel, also dieselbe Person.
Eine Adresse, die du nur ein einziges Mal benutzt, zerschneidet diese Verbindung. Der Datensatz, der bei diesem einen Anbieter entsteht, lässt sich nicht mehr an die übrigen anschließen. Das ist der ganze Zweck, und er ist beträchtlich.
Was gleichzeitig weiterläuft
Deine IP-Adresse. Der Anbieter, bei dem du dich anmeldest, sieht sie so oder so — die Adresse steht in der Verbindung, nicht im Formular. Über den Anschluss lässt sich der Netzbetreiber und die grobe Region bestimmen, und in einem Haushalt oder Büro teilen sich alle Geräte dieselbe.
Die Merkmale deines Browsers. Bildschirmgröße, Zeitzone, Sprache, installierte Schriften, Grafikeigenheiten: zusammen ergibt das eine Kennung, die über viele Nutzer hinweg erstaunlich eindeutig ist. Sie entsteht ohne Cookies und ohne Anmeldung.
Alles, was du selbst einträgst. Name, Anschrift, Telefonnummer, Zahlungsdaten. Bei einer Bestellung mit Lieferung ist das der Punkt, an dem die Wegwerfadresse jede Wirkung verliert — der Datensatz enthält deine Wohnanschrift, und die ist als Schlüssel mindestens so brauchbar wie eine E-Mail-Adresse.
Die Zahlung. Eine Kartennummer oder ein Zahlungsdienstkonto verbindet den Vorgang mit deinem Namen bei der Bank. Das ist kein Nachteil des Werkzeugs, sondern eine notwendige Eigenschaft von Bezahlung.
Der Zusammenhang mit dem, was du gerade sonst tust. Wer in einem Tab bei einem Dienst angemeldet ist und im nächsten mit einer Wegwerfadresse ein Formular ausfüllt, hat die Trennung im selben Browser wieder aufgehoben — über Verweise, geteilte Kennungen und eingebettete Bausteine.
Und die Adresse selbst?
Ein Punkt, der zum vollständigen Bild gehört: Bei den meisten Wegwerfdiensten ist das Postfach ohne Kennwort erreichbar. Die Adresse ist der Schlüssel. Wer sie errät oder kennt, sieht den Inhalt.
Das ist kein Versehen, sondern die Bedingung dafür, dass man ohne Konto auskommt. Es hat aber eine praktische Folge: Eine kurze, naheliegende Adresse ist von einem Fremden zu treffen. Wer test oder seinen Vornamen wählt, sollte damit rechnen, dass die Nachricht dort nicht nur bei ihm ankommt.
Daraus folgt die einzige Einstellung, die man selbst in der Hand hat: eine lange, zufällige Adresse zu nehmen, wenn es überhaupt darauf ankommt.
Wofür sie das richtige Werkzeug ist
- Ein Rabattcode gegen Adresseingabe, den man einmal einlöst.
- Ein Dateidownload hinter einem Formular.
- Ein Forum oder ein Dienst, den man einmal ausprobieren will.
- Ein Test der eigenen Anwendung, bei dem eine echte Bestätigungsmail gebraucht wird.
- Jede Anmeldung, bei der der Anbieter die Adresse ohnehin nur einmal braucht.
Wofür sie es nicht ist
- Konten, die du behalten willst. Wenn die Adresse in einem Jahr nicht mehr existiert, ist auch der Weg zum Zurücksetzen des Kennworts weg. Das ist der teuerste Fehler in dieser Liste.
- Alles, wo es um Geld oder Identität geht. Bank, Versicherung, Behörde, Arbeitgeber. Dort wird die Adresse nicht als Kontaktweg gebraucht, sondern als Beleg dafür, dass jemand erreichbar bleibt.
- Schutz vor Beobachtung. Dafür braucht es andere Werkzeuge, und keines davon ist eine E-Mail-Adresse.
- Vertrauliche Inhalte. Siehe oben: das Postfach steht offen.
Was zusammen wirkt
Die Wegwerfadresse ist ein Baustein, kein Ersatz. Sinnvoll ergänzt wird sie durch Dinge, die an anderen Stellen ansetzen: eine Plus-Adresse oder ein Alias für Dienste, die man behalten will; getrennte Browserprofile, damit die Trennung nicht im selben Fenster wieder aufgehoben wird; und die Kenntnis darüber, wie Adressen überhaupt in Umlauf geraten.
Ob eine kurzlebige Adresse im konkreten Fall passt, hängt an einer einzigen Frage: Brauchst du diesen Zugang in einem Jahr noch? Wann sie sinnvoll ist und wann nicht, ist an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Alles Übrige folgt daraus.